China, Tibet (Ein erlebnisreicher Tag zum Mt. Everest)

04.11.2010

Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang aufgewacht, beobachtete ich das beindruckende Schauspiel wie der Sichelmond der Sonne wich.

Mit der Gruppe ging es nach einem kurzen Frühstück schließlich weiter Richtung Trashilhünpo-Kloster,…

…mit einem der größten sitzenden Buddhas weltweit in obigem Klostergebäude (ein Foto drinnen zu machen hätte schnäppchenhafte 150 € gekostet…).

Wir konnten den Mönchen beim Gebets-Frühstücken zuschauen und die unzähligen Buddhas in den verschiedensten Räumlichkeiten bestaunen.

Am Berghang des Klosters befand sich ein mehrere hundert Meter langer Gebetsmühlenpfad,…

…welcher von den Gläubigen auch rege genutzt wurde.

Zwar ist alles sehr interessant, doch so langsam machte sich bei uns durch die vielen Eindrücke der letzten Tage eine deutliche Kloster-Sättigung bemerkbar. Der buddhistische Glaube ist in Tibet wirklich hochkonzentriert – besonders in unserer Reisegeschwindigkeit. Umso mehr freuten wir uns auf den bevorstehenden Mt. Everest.

Unser Guide besorgte uns die nötige Erlaubnis, um in die Mt.-Everest-Region einreisen zu dürfen.

Ein edles Stück Papier mit allerlei offiziellem Trara.

Weiter ging es in Richtung Himalaya-Gebirge die Straßen entlang…

…bis zum Gyatso-La Pass, dem Tor in das Mt. Everest Biosphärenreservat. Still stehen, für das Foto lächeln, ein bisschen die Aussicht genießen, ruhig atmen und das war’s. Viel mehr kann man bei dieser unglaublichen Höhe von 5248 Meter nicht erwarten.

Einige Fahrtkilometer später erschien uns dann der Mt. Everest am entfernten Horizont (auf dem Bild mittig, der linke weiße „Hügel“).

Kurz nach diesem Stopp tauchten wie aus dem Nichts tibetische Kinder auf und boten ihre Ware an – kleine versteinerte Fossilien. Unser Guide meinte, dass diese Kinder mit ihrer geringen Körpergröße selbst unter lebensgefährlichen Umständen in Höhlen kriechen, um an die Fossilien zu gelangen. Mit Blick auf die abgenutzten Kinderhände ist dies definitiv glaubwürdig. Beim linken Kind sieht man zudem das Grab-Werkzeug um den Hals hängen – ein Löffel. Die Uhr am Handgelenk des anderen Kindes war wohl ein Geschenk eines anderen Touristen. Was passiert wohl mit der Uhr, wenn die Batterie ausgeht – ob man sie essen kann? Ich gebe beiden als Dank für das Foto etwas Geld für sich oder ihre Familien und ein paar Süßigkeiten zur Freude.

Schnell noch ein Foto mit Tourguide Dorjee (links) und unserem geschwindigkeitsverrückten Fahrer (rechts) bevor wir uns…

…weiter dem Mt. Everest nähern (mittig im Bild zu sehen).

Keine Fotomontage. Hier bin ich tatsächlich auf den Himalaya gesprungen – mit dem rechten Fuß sogar genau auf den Mt. Everest. 😉

Wir fuhren durch kleine Siedlungen (zu sehen ist die Hauptstraße)…

…und deckten uns im lokalen Geschäft mit Snacks und Getränken ein. Auf das Verfallsdatum sollte hier besser nicht geachtet werden – es ist schon gut überhaupt etwas zu bekommen.

Dass wir es schließlich bis hier hin und auch weiter geschafft haben, grenzt fast an ein Wunder. Aus Gründen der Leserlichkeit habe ich einiges ausgelassen. Von der Polizeiaktion zu Beginn hatte ich ja bereits erzählt. Wie sich im Nachhinein herausstellte hatten unser Fahrer und Tourguide offenbar nicht so richtig Lust auf den Weg hierher. Begonnen hat die wirsche Aktion am gestrigen Abend in der Stadt Shigatse. Beim gemeinsamen Dinner erzählten uns Tourguide und Fahrer wie bitter kalt es am Mt.- Everest-Base-Camp ist. Derzeit –20 bis –30°C. Der Weg dorthin führt über eine nahezu unpassierbare Holperstrecke. Das Schlimmste aber sei, dass wir da oben komplett alleine wären. Es gäbe dort nichts außer einer winzigen Hütte. Nichts zu essen, nichts zu trinken, geschweige denn irgendwas Wärmendes oder Betten. Wir müssten auf Stühlen schlafen. Um dies bildlich zu unterstreichen, schob unser Fahrer ein paar Restaurantstühle zusammen, legte sich darauf und mimte eine frierende Person inkl. Zähne klappern, während Dorjee unterstützend nickte. Beeindruckt schauten wir (Michael, Ingrid und ich) uns an. Mir persönlich war es wurscht. Ich wollte definitiv zum höchsten Berg der Welt, ob es unbequem wird oder nicht. Das ist eine einmalige Sache im Leben, da kann man auch mal zurück stecken. Glücklicherweise hatte Michael eine ähnliche Meinung und Ingrid schloss sich uns ebenfalls an. Etwas resigniert stoppten Dorjee und unser Fahrer ihr beeindruckendes Schauspiel. Am nächsten Morgen, meinte unser Tourguide Dorjee, dass die Besorgung des Permits, die Mt.-Everest-Region betreten zu dürfen, schwierig wäre. Freundlich-bestimmend wies ich ihn darauf hin, dass wir nicht einen Haufen Geld bezahlt hätten, um den Mt. Everest gegen weitere Klöster zu tauschen. Eine Stunde später war das Permit schließlich da. Ihre Überzeugungsversuche, wie schlimm es derzeit doch am Mt.-Everest-Base-Camp wäre, begleiteten uns die weitere Fahrt. So langsam dämmerte uns die Masche und wir erzählten unsere eigenen Märchen. Wir wären frostresistent und liebten die tödliche Kälte – die Gefahr – nur deswegen wären wir hier. Wir wollten unsere eigenen Grenzen auszutesten. Je kälter es wäre und je weniger Komfort, desto besser. Hiernach und mit großen Augen stoppten Dorjee und unser Fahrer schließlich ihre Schauermärchen.

Wir genossen die weitere Fahrt bis zum letzten Ort vor dem Base Camp, um eine Mahlzeit einzunehmen. Erneut versuchten unsere beiden Tibetbegleiter uns zu überzeugen und redeten massiv auf uns ein, dass es keine gute Idee wäre heute noch da raufzufahren. Es wäre schon zu spät dafür. Wir müssten jetzt in diesem Ort übernachten. Das Dumme ist nur, falls wir es heute nicht mehr rauf zum Base Camp schaffen, können wir es komplett knicken. Morgen benötigen wir den kompletten Tag, um zur nepalesischen Grenze zu fahren, da wir Tibet übermorgen verlassen müssen – für den Mt. Everest wäre dann definitiv keine Zeit mehr. Natürlich war sich Dorjee darüber bewusst. Gerne und leicht gereizt, über die permanenten Versuche uns vom Berg fernzuhalten, schilderte ich es ihm nochmal. Er war still. Michael, Ingrid und ich genossen kopfschüttelnd unser Essen. Schließlich platzte die Bombe. Zehn Minuten später kam Dorjee erneut ins Restaurant und meinte, wir würden keine Eintrittskarte (ja, auch die wird extra benötigt) mehr für das Base Camp bekommen. Fassungslos und mit großen Augen begleitete ich ihn nach draußen, wo er mich zum verschlossenen Ticket-Büro brachte. Öffnungszeiten bis 16 Uhr – wir hatten 16:30 Uhr. Vor meinen Augen sah ich einen Traum dahinziehen. All dieses Theater nach Tibet einreisen zu dürfen, die wirklich teuren Kosten (in Summe über 700 € für den Tibetaufenthalt) sowie die zurückgelegten Kilometer in einer sauerstoffarmen und eher lebensfeindlichen Umgebung, um am Ende nicht zum höchsten Berg der Erde zu gelangen? Eine „Einmal-im-Leben-gemacht-haben“-Geschichte . Ich war einige Sekunden wirklich sprachlos. Meine Gedanken überschlugen sich: Wir mussten eine Tour buchen, um überhaupt ein Tibet-Permit zu bekommen. Das Highlight dieser Tour war das Mt.-Everest-Base-Camp. Die permanenten Überzeugungsversuche von Tourguide und Fahrer nicht dahin zu fahren. Die Tour war doch geplant. Warum wurden die Tickets nicht im Vorfeld organisiert oder die Öffnungszeiten des Ticket-Büros bedacht? Muss ich nun aufgrund der Unfähigkeit anderer zurückstecken oder ist dies eine geplante Masche, um Kosten zu sparen? In mir spürte ich eine deutliche Veränderung. Meine Atmung wurde tiefer, der Blutdruck stieg, meine Gesichtsmuskeln veränderten sich rapide von Entspannung ins Gegenteil. (Dass ich nicht grün anlief war alles.) Langsam drehte ich mich zu Dorjee um und fixierte ihn mit steinernem Blick. Meine Geduld und Freundlichkeit war definitiv am Ende. Hier versucht mir jemand geplant meine Tour zu vermiesen. Ohne zu blinzeln durchbohrte ich ihn mit meinem Blick und fragte ohne jegliche Freundlichkeit in meiner Stimme, ob das sein ernst sei. Er versuchte es wegzulachen, es wäre doch alles gar nicht so schlimm, wir könnten morgen noch dorthin fahren (was ja bekanntermaßen nicht stimmte). Wortlos und mit unveränderter Körperhaltung ließ ich ihn ausreden. Als er merkte, dass ich nicht mehr zu Späßen aufgelegt bin und wohl weniger freundlich aussah, verstummte er. Ich fragte ihn wieder, diesmal in überraschend tieferer Tonlage die gleiche Frage, ob dies wirklich sein ernst sei. Es folgten Entschuldigungen, er könne nichts daran ändern, es tue ihm ja alles so leid, eine Verkettung unglücklicher Zufälle etc. Ich spürte meine Blutgefäße auf der Stirn anschwellen und meinen Herzschlag in den Augen pumpen. Innerlich dankte ich meinem jahrelangen Karate-Training. … Nicht zu Kampfzwecken, wie einige jetzt vielleicht denken mögen. 😉 Nein, in Karate geht es primär um Disziplin und Selbstbeherrschung. Während also meine äußere Körpersprache sicherlich extrem unfreundlich aussah – und so fühlte ich mich ja auch – hatte ich mich innerlich voll unter Kontrolle. Ich studierte seine Gestik, seine Mimik, jegliche Veränderung seines Körpers, seine Stimme, sein komplettes Verhalten. Lügt er mich an?

Seine Handbewegungen wurden nervöser, die Sprache schneller, kleine Schweißperlen tauchten auf seiner Stirn auf, er versuchte seinen Blick unter Kontrolle zu halten, doch er war zu unruhig. Seine Augen bewegten sich immer wieder nach oben – ein deutliches Zeichen. Unverändert durchdrang ich ihn mit meinem Blick und sprach mit eindringlicher Stimme: „You and I both know that we go to the base camp – today!“ Er versuchte darauf zu antworten, doch ich drehte mich wortlos um und entfernte mich von ihm die Straße entlang.

Ruhig, ruhig, ganz ruhig. Ich beruhigte meinen Körper und brachte meinen Blutdruck rasch aus dem roten Bereich. Es gibt für alles eine Lösung. Offenbar war es eine Masche von Fahrer und Tourguide Geld zu sparen. Kein Base Camp – und dies war relativ teuer zu besichtigen – bedeutete natürlich weniger Ausgaben des Tourguides und somit seine Ersparnis. Eine Rückerstattung wäre aufgrund „unglücklicher Zufälle“ natürlich ebenfalls nicht möglich, so dass dies einen deutlichen Mehrverdienst für Tourguide und Fahrer bedeuten würde. Dies war meine Theorie. Ob sie stimmt oder nicht, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zum Mt. Everest will – jetzt erst recht!

Ich ging noch ein ganze Weile die Straße weiter entlang und begab mich schließlich wieder zurück zum Restaurant. Unser Jeep war nicht mehr da. … Neugierig ging ich ins Restaurant. Michael und Ingrid saßen noch am Tisch. Michael erzählte mir, dass Dorjee ziemlich verstört zurück kam, sich mit dem Fahrer laut gestikulierend unterhielt, eine Weile rumtelefonierte und beide wortkarg mit dem Jeep abgedüst sind. Was würde wohl passieren? Unglaublich spannende Momente folgten.

Zehn Minuten später kamen unsere beiden Märchenonkel wieder. Der Fahrer weniger glücklich und wortlos, Tourguide Dorjee voller Elan. Offensichtlich konnten die erforderlichen Eintrittskarten nun doch organisiert werden und wir könnten jetzt losfahren. Freundschaftlich-bestimmend klopfte ich Dorjee auf die Schulter. Warum nicht gleich so?

Zunächst fuhren wir zum Armeeposten, welcher vor der dreistündigen Holperstrecke zum Mt. Everest aufgebaut war. Drinnen erfuhren wir von den Beamten, dass kürzlich ein US-Bürger im Base Camp an der Höhenkrankheit gestorben war und, ob wir wirklich zu dieser fortgeschrittenen Zeit da rauf wollten. Das Gesicht des Fahrers erhellte sich und er fing wieder damit an, dass es besser wäre hier zu bleiben. Da oben gibt es keine Hilfe, falls was passieren sollte. Viel zu gefährlich. Ich schaute rüber zu Dorjee und er verstand meinen Blick. Er redete ein paar chinesische Worte zum Fahrer, worauf dieser verstummte und sich wortlos zum Jeep begab. Die Strecke rauf zum Mt. Everest war wirklich holprig aber nicht mal annähernd so schlimm, wie es uns unsere beiden Münchhausens versuchten glaubhaft zu machen.

Nach ca. zwei Stunden Fahrt schließlich eine weitere Überraschung: Unser Jeep ging aus und sprang nicht mehr an… Es machte sich Nervosität bei Fahrer und Guide breit. Interessant: Inmitten im eiskalten Niemandsland vom Mt. Everest auf ungefähr 5000 Meter Höhe, kurz vor der Dämmerung, mit der Gewissheit, dass um diese Uhrzeit kein anderes Auto mehr entlang fahren würde, waren wir nun hier mit einer Autopanne. Das war wirklich ein besonderer Moment. Insgeheim fragte ich mich, ob es das Schicksal wirklich will, dass ich zum Mt. Everest komme. Wir werden sehen… Mit gemeinsamer Kraft schoben wir das Auto an … und … es sprang wieder an. JA! Noch eine Stunde Fahrt! Das wird ja wohl klappen!

Und tatsächlich in der Dämmerung, nach Absolvierung der Holperstrecke und kurz vor Einbruch der Nacht, sahen wir schließlich den höchsten Berg der Welt, den Mt. Everest, in seiner vollen Pracht.

Überrascht bemerkten wir, dass hier entgegen den Berichten unserer Märchenonkel nicht nur eine vereinzelte Hütte stand sondern ein Kloster sowie ein Gasthaus. Das historisch gebeutelte Rongpu-Kloster ist das höchste religiöse Gebäude und zählt gleichzeitig zu den höchsten bewohnten Siedlungen überhaupt. Das Gasthaus gegenüber verfügt sogar über Zimmer mit richtigen Betten sowie über einen beheizten Aufenthaltsraum, wo man Essen und Trinken bestellen kann. Was für elendige Laberbacken unsere Tibetführer doch waren…

Da beide nicht vor hatten mit uns zum Mt. Everest zu fahren, gab es natürlich keine Zimmerbuchungen im Vorfeld. Es waren nur noch zwei „Luxuszimmer“ frei, welche jeweils extra kosten würden. Auf die Frage unseres Tourguides, ob wir diese Kosten übernehmen, zeigte ich ihm nur einen Vogel und sagte, dass das sein Problem wäre. Nach langem Gerede managte er schließlich, dass wir im angrenzenden Kloster eine Schlafmöglichkeit bekamen. Super! Michael, Ingrid und ich waren total begeistert. Am höchsten Berg weltweit in einem Kloster zu nächtigen, was für eine Erfahrung. Unser Fahrer und Dorjee konnten die Begeisterung gar nicht verstehen. Beide zeigten sich ziemlich missmutig, dass ihr vermeintlicher Plan nach hinten losging.

Wir schnappten unser Gepäck und kletterten die stark vereisten Treppenstufen hinauf…

…zu unserer gedachten Klosterunterkunft.

Erschöpft und gleichzeitig sehr glücklich hier doch noch angekommen sein, genossen wir (im Bild: Ingrid und Michael) im Gasthaus eine heiße Nudelsuppe und unterhielten uns mit ein paar anderen Touristen – wir waren hier nämlich definitiv nicht alleine… So erfuhren wir unter anderem, dass dies noch nicht das richtige Base Camp sei – wie uns unser Tourguide Dorjee versichert hatte – sondern dies noch zehn Minuten Autofahrt wären. Interessant, wollten doch unser Fahrer und Dorjee morgens früh direkt Richtung nepalesischer Grenze aufbrechen. Wahrscheinlich mit der Intention noch rechtzeitig die Grenze zu erreichen, um uns rüber zu schicken und weitere Übernachtungskosten zu sparen. Naja, sollten sie mal versuchen. Wir waren erst mal hier und würden uns so viel Zeit wie nötig lassen, bis wir alles gesehen haben.

Später kam Dorjee noch zu uns und meinte er hätte jetzt doch die „Luxuszimmer“ für uns bekommen: Zimmer mit zwei Betten und dicken Decken aber ohne Strom, Heizung, Toilette oder Waschbecken – schlicht zum Schlafen. Überrascht über unsere geringe Begeisterung half er uns das Gepäck in die neuen Zimmer zu packen. Wir hätten auch nichts gegen eine Nacht im Kloster gehabt. Michael und Ingrid hatten ein Doppelzimmer und ich hatte ebenfalls eins. Zwar war ich immer noch angesäuert über die Betrugsversuche, doch dachte ich einen Schritt weiter: Wo schliefen denn jetzt eigentlich unser Fahrer und Dorjee? Unser Fahrer fuhr den kompletten Tag – und die Strecke hierher war wirklich kein Zuckerschlecken. Ich bot ihm das zweite Bett in meinem Zimmer an. Überrascht lehnte er zunächst ab, nahm dann aber doch begeistert mein Angebot an. Seit dem ganzen unnützen Theater war endlich mal wieder ein Lächeln auf seinem Gesicht zu verzeichnen. Warum überhaupt diese Lügengeschichten? Das Leben könnte mit Ehrlichkeit doch so einfach sein. Naja, hoffentlich hatten sie jetzt gelernt uns nicht weiter übers Ohr hauen zu wollen. Wobei ich sagen muss, dass beide bis auf die Mt.-Everest-Geschichte (und vielleicht die zügige Fahrweise) ansonsten wirklich hervorragend waren.

Im Gasthaus lernten wir noch den Holländer Thijs kennen (links im Bild), mit dem wir später zusammen noch eine Nachtwanderung machten. Über den Windgeräuschen hörten wir in der Ferne ein leichtes Klingeln. Gespannt machten wir uns auf die Suche nach dem Ursprung…

…und fanden schließlich eine wassergetriebene Gebetsmühle mit einem angebrachten Glöckchen. Lange würde das Glöckchen sicher nicht mehr klingen, denn ohne die Sonne brachte die Nacht eine eisige Kälte mit sich. Nach unserem Nachtspaziergang begaben wir uns kurz nach Mitternacht auf die Zimmer. In meinem Zimmer schnarchte bereits unser Fahrer aus Leibeskräften. Naja, Hauptsache er ist dafür am nächsten Tag fit. Ich drückte mir meine Ohrenstöpsel rein und begrub mich unter den unglaublichen dicken Decken. Wahrscheinlich korreliert der Begriff Luxus für dies Zimmer direkt mit der Deckendicke.

Wie von einer Tarantel gestochen wachte ich plötzlich auf, als ich lautes Klopfen mit chinesischem Gebrüll hörte. Direkt schaltete ich meine Kopftaschenlampe ein, um zu sehen was los war. Mein Fahrer redete in chinesisch auf mich ein, hielt sich mit der einen Hand die Nase und gestikulierte wild mit seiner anderen Hand. Ich gab ihm ein Paket Taschentücher, er griff sich zwei, wischte sich ein wenig Blut von der Nase, machte wirklich unaussprechliche (!) Geräusche und rotzte mehrfach in die Ecke. Zwei Sekunden später schnarchte er weiter als wenn nichts passiert wäre. Was war das jetzt gewesen…?

In der Dunkelheit versuchte ich wieder einzuschlafen – dies gelang mir jedoch nicht. Mein Puls war schon den ganzen Tag so hoch und ich schob es auf die Erlebnisse an sich. Doch auch jetzt im Bett war mein Puls über 120. Zudem war das Atmen nicht so leicht wie sonst üblich. Hängt das mit der enormen Höhe zusammen? Ich hatte trotz der trockenen Luft einen leichten Schweißfilm auf meiner Stirn. Verunsichert über die Horrormärchen von Fahrer und Guide sowie den Bericht über den jüngsten Todesfall aufgrund von Höhenkrankheit, stand ich auf und begab mich nach draußen. Es war 0:45 Uhr und mittlerweile weniger als –15°C bei unglaublich trockener Luft. Glücklicherweise fror ich nicht. Mit meiner Kleidung wäre dies auch schwer möglich gewesen: ein Paar normale Socken, zwei Paar dicke Wintersocken, dicke Wanderschuhe, Unterhose, lange Merino-Thermounterhose, zwei normale Hosen, langärmliges Merino-Thermounterhemd, zwei T-Shirts, zwei Fleece-Pullis, normale Jacke, dicke Daunenjacke, Mütze, selbstgebastelten Schal, dicke Handschuhe. So stand ich dann fast bewegungslos an einem der höchsten Punkte der Erde…

…und starrte in den atemberaubenden Sternenhimmel (welcher auf dem Foto natürlich nicht so gut zu sehen ist). Mein Puls war unverändert hoch, die Atmung fiel mir immer noch auffällig schwer und generell fühlte ich mich überaus suboptimal. War ich höhenkrank? Prophylaktische Medikamente zur Bekämpfung der Höhenkrankheit habe ich abgelehnt, dachte ich doch, dass einige Tage Akklimatisierung ausreichen würden. Viele Fragen tauchten in meinem Kopf auf. Habe ich es vielleicht diesmal übertrieben unbedingt hierher zu kommen? War ich zu übermütig? Bin ich jetzt an meiner persönlichen Grenze angelangt? Viele weitere tief-philosophische Fragen stellte ich mir und hatte Rückblicke in die Vergangenheit. Ich dachte an die intensiven letzten drei Jahre und die Zeit vor meiner Prüfung. Würde ich einige Dinge anders machen? Was wird morgen sein? Was ist das Ziel meiner Reise? Bin ich glücklich? – Wie von automatisch erschien ein Lächeln auf meinen Lippen. Die letzte Frage konnte ich eindeutig beantworten: Ja!
Zu Hause habe ich die beste Familie und die besten Freunde. Meine universitäre Ausbildung ist bestmöglich abgeschlossen. Meine Zukunftsperspektiven könnten nicht besser sein. Und jetzt stand ich hier am Mt. Everest, vollkommen frei und hatte einen atemberaubenden Blick in den Sternenhimmel. Ich spürte Muße in mir aufsteigen.

Plötzlich hörte ich Geräusche. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass ich bereits über drei Stunden in Gedanken versunken unter dem Sternenhimmel verbrachte. Ein Däne konnte nicht mehr richtig schlafen. Wir unterhielten uns ein wenig über die Höhenkrankheit. Er selbst litt extrem darunter und hatte trotz Medikamenten starke Kopfschmerzen. Zudem benötigte er alle paar Stunden einen Zug aus seiner Sauerstoffdose, um die Symptome einzuschränken. Wow, dachte ich mir, hier ist wohl wirklich einer an seine Grenzen gelangt. Dagegen sind meine Symptome – sofern es überhaupt welche waren – harmlos. Er meinte ein hoher Puls sei völlig normal für diese extremen Höhen. Selbst erfahrene Bergsteiger hätten trotz Akklimatisierung in solchen Höhen automatisch einen höheren Puls. Noch glücklicher, dass offensichtlich alles in Ordnung war mit mir, begab ich mich kurz nach 4 Uhr zurück auf mein Zimmer mit dem schnarchenden Fahrer, um noch ein paar Stunden Schlaf zu versuchen – was für ein Tag…


Weiterführende Links:

  1. Trashilhünpo-Kloster – mit Chinas wertvollstem Grabmal
  2. Gyatso-La – mit über 5200 m ein unglaublich hoher Gebirgspass
  3. Das Mt. Everest (Qomolangma) Biosphärenreservat auf den Webseiten der UNESCO
  4. Himalaya – bekanntes Hochgebirge in Asien
  5. Shigatse – die zweitgrößte Stadt Tibets
  6. Münchhausens Lügengeschichten
  7. Mt. Everest – der höchste Berg der Welt
  8. Rongpu-Kloster – das höchste religiöse Gebäude der Welt
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7 Kommentare zu China, Tibet (Ein erlebnisreicher Tag zum Mt. Everest)

  1. Rainer und Gerlind sagt:

    Hallo, lieber Mathias!
    Dieser Bericht ist atemberaubend – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe beim Lesen oft die Luft angehalten, weil Du so eine tollen Schreibstil hast, der einen richtig packt und mit Spannung weiterlesen lässt. Wahnsinn, was Du erlebst. Ob Du über Deine unbeschreibliche tolle Reise ein Buch veröffentlichen wirst??? Es wäre zu schade, wenn Dein Erlebtes nur in Deinem Schrank stehen wird. Wir wünschen Dir weiterhin supertolle und eindrückliche Erlebnisse. Bleib gesund:-) Gott sei mit Dir!
    Herzlichen Grüßen
    Gerlind & Rainer

    • Mathias sagt:

      Ein Buch veröffentlichen? Mal schauen was noch so kommt. 🙂 Eins habe ich ja schon publiziert: Link. Dies ist aber eher speziell für die Pflanzenphysiologen unter uns. 😉

  2. Gudrun Horn sagt:

    Hallo Mathias,
    die Reiseberichte zu lesen bedeuten wirklich Spannung- auch „versinken“ und „träumen“! Der Schreibstil ist mitreißend und schreit nach mehr.
    Weiterhin alles Gute und Gesundheit und möge die Reise so spannend weitergehen.
    Nochmals vielen Dank für die Postkarten. Die letzte war sehr lange unterwegs.
    Herzliche Grüße
    Gudrun und Udo

    • Mathias sagt:

      Ja, die indische Post – auch zu diesem wirklich _speziellen_ Thema wird noch etwas folgen… Schnell ist da wirklich was anderes…
      Bis dato kann ich sagen, dass die Reise nicht mal ansatzweise langweilig geworden ist – es wird also auch zukünftig weiter genügend Sachen zum miterleben geben. 🙂

  3. Clausi sagt:

    Mein lieber Scholli,
    ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen.
    Dein Schreibstil is super und das Buch zu deiner Reise ein Muss!
    Mach weiter so…und komm irgendwann mal heil zurück!

    Gruß
    Claus

  4. Daniel B. sagt:

    Ach Matze, du pflanzt einem ja kräftig Fernweh ein…
    🙂
    Wahnsinns-Bilder, wir sind schwer neidisch auf das was du alles erlebst. Ist auf jeden Fall sehr inspirierend (werde deinen Reiseführer erwerben, wenn du einen veröffentlichst. Wie wäre: „1000 places to see after your PhD“).
    Aber wo treibst du dich im Moment eigentlich rum? Ich verliere ein wenig den Überblick….

    Viele Grüße und weiterhin alles Gute!!!

    Daniel & Kati

    • Mathias sagt:

      Auf jeden Fall ein genialer Buchtitel! 😉
      Mein Reiseblog hat einen Abstand von ca. drei Monaten. Möchte ja nicht zu viel verraten aber hier folgende Info: Derzeit befinde ich mich im zweit-dicht-besiedelsten Flächenstaat weltweit oder auch Land des königlichen Tigers. 😉

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