China, Tibet (Lhasa, zweite Eindrücke)

02.11.10

Die letzte Nacht war ebenfalls unruhig doch bereits deutlich besser, als die erste Nacht in Lhasa. Mein Körper stellte sich also langsam auf die geänderte Umgebung ein.

Im schlimmsten Fall schien die Minibar des Zimmers deutlich auf die Verminderung von Höhenkrankheits-Symptomen eingestellt zu sein.

Sauerstoff aus Flaschen oder pflanzliche Medizin – kein Problem. 😉

Heute ging es auf zum…

…weltberühmten Potala-Palast – dem Palast der Dalai Lamas. Rundherum befanden sich tausende Pilger mit Gebetsmühlen bewaffnet das Anwesen umkreisend. Dreimal den Palast umrunden ist Pflicht für einen guten Pilger. Dreimal komplett Lhasa umrunden ist für den fortgeschrittenen Pilger und deutlich empfehlenswerter. Auch hier war es wieder faszinierend den Gebetsmühlen-schwingenden Gläubigen zuzuschauen. Es war aber auch ein klein wenig unheimlich. Wie in einer Trance und nicht auf die Umgebung achtend bewegten sie sich in langen Schlangen mit ihren Gebetsmühlen murmelnd und fixiert auf ihr Gebet fort. Einige legten die Strecke mit ihrer Körperlänge zurück. D.h. aufstehen, Richtung Himmel beten, auf den Boden betend nach vorne legen, am Punkt der Hände aufstehen und wieder von vorne. Vom Zug aus habe ich bereits diese Prozedur auf den Straßen gesehen, wo Pilger mehrere hundert Kilometer in Monaten zurücklegen, um so nach Lhasa zu gelangen. Der Glaube in Tibet sitzt wirklich unfassbar tief.

Vor den Sicherheitsschleusen des Potala-Palasts studierte ich aufmerksam das Informationsschild vor der Tür. Punkt 1: Nur Touristen ist es nicht erlaubt Waffen, radioaktives Material etc. in den Palast zu bringen. Erst ab Punkt 2 werden zusätzlich die Pilger erwähnt. Ergo, Pilgern ist es also nicht verboten gefährliche Gegenstände mit hinein zu nehmen…

Auf dem Gelände selbst wirkte der Palast noch imposanter.

Bereits nach ein paar Treppenstufen zeigte sich die eindrucksvolle Aussicht über Lhasa.

Innerhalb des Palasts war es verboten Fotos zu machen. Hier das letzte Bild vor dem Eintritt in den weißen Palastbereich…

…und hier das erste Bild nach Austritt aus dem roten Palastbereich. Im Inneren waren wieder unzählige Buddha-Statuen – teilweise in beträchtlicher Größe – sowie Gebetskerzen und -fahnen, überall kleine Geldscheine der Pilger, uralte Schriften, antikes Mobiliar und Abbildungen der vergangenen Dalai Lamas zu finden.

Beim Herabsteigen vom Palastgelände genossen wir die Aussicht über Lhasa und machten uns schließlich zurück Richtung Unterkunft.

Später erkundete ich zusammen mit Tibetreise-Kamerad Michael die Stadt auf der Suche nach einer warmen Mütze für das Mt. Everest Basecamp – wir hatten gehört es soll dort etwas kühler sein…

Auf unserer Suche kamen wir an einem lokalen Markt vorbei (links im Bild ist Michael)…

…und bestaunten die außerordentliche Frische mancher Produkte. Später fanden wir dann auch noch einen kleinen Stand, welcher Mützen verkaufte. Wir begutachteten die Mützen, welche einen wirklich warmen Eindruck machten. Unser Tourguide hat uns von Preisen zwischen 200 und 300 Yuan erzählt und das diese mit harten Feilschen auf 50 Yuan gedrückt werden können. Innerlich stellten wir uns also auf ein hartes Handeln ein. Ich wählte meine Mütze zu erst und fragte nach dem Preis.

I (Ich): How much is this one?
H: (Händler): „Yes thione-fiftyien“

Total überrascht schauten Michael und ich uns an. Hat er 150 gesagt oder 50? In der Annahme 50 verstanden zu haben und das Handeln dadurch zu verkürzen, gab ich ihm freundlich einen 50 Yuan-Schein. Tiefer wollte ich nicht Handeln, da die Mütze einen wirklich guten Eindruck machte und der Mann ein bisschen Geld gut gebrauchen konnte. Er kramte auf einmal in seinem Geldbeutel und gab mir 35 Yuan zurück. Wow! Offensichtlich war der Preis lediglich 15 Yuan. Versuche, den Preis nach oben zu handeln – ich wollte gerne 50 Yuan dafür bezahlen, da er uns nicht über das Ohr hauen wollte – schlugen fehl. 15 Yuan und nicht mehr, keine Chance mehr zu bezahlen. Eine Feilscherfahrung der anderen Art…
Nachdem Michael ebenfalls sein Wunschprodukt erworben hatte, machten wir uns mit unseren Mützen auf den Kopf weiter durch die Stadt und wurden wirklich von fast jedem mit Bestaunen angesehen. Wohl wahr, wir waren beide eine etwas ungleiche Erscheinung und von der Optik mit Sicherheit total ungewöhnlich für Tibet. Michael wurde zudem öfters gefragt, ob er der berühmte Fußballspieler Pelé wäre und ich möglicherweise sein Manager… 😉

Zurück im Hotelzimmer ruhte ich ein wenig…

…und genoss die Aussicht aus meinem Hotelzimmer…

…in der Mittagssonne.

Schließlich machten wir uns auf zur Besichtigung eines weiteren Klosters,…

…dem Sera-Kloster. Nach Besichtigung weiterer unzähliger Buddha-Statuen und Gebets-Utensilien…

…durften wir die Übungsrituale der Mönche im Innenhof der Klosteranlage beobachten. Dabei sitzen einige Mönche in kleinen Gruppen auf dem Boden, während ein Mönch steht, eine Frage formuliert und diese laut mit den Händen klatschend an einen der sitzenden Mönche stellt. Dieser sollte die Frage natürlich beantworten können. Falls nicht, wird darüber kollektiv debattiert, so dass sich ein Lerneffekt einstellt. Alleiniges Thema ist natürlich der Buddhismus.

Ein kleines Kind vor Gebetsmühlen. Mit diesem Bild verbinde ich einige Fragen. Viele Touristen und Leute aus der Ferne finden den intensiven tibetischen Glauben schlicht faszinierend. Ohne Frage, das ist er wirklich. Ich habe unzählige Gläubige und Familien gesehen, welche ihr ganzes Leben dem Glauben widmen. Gebetsmühlenartig wie in einer Trance wiederholen sie ihre Rituale für Stunden, Tage, Monate und teilweise sogar Jahre. Kritisch gefragt: Ist ein so intensiver Glaube gut für ein einzelnes Individuum? Hat ein Kind überhaupt die Wahl Sachen zu hinterfragen? Ich möchte hier keine Diskussion lostreten aber die Eindrücke dieses tiefen Glaubens waren für mich so überwältigend, dass ich diese Dinge automatisch selbst hinterfrage. Sicher ist nur, sich in diese beeindruckende Kultur einzumischen wäre falsch, da die hier zelebrierte Religion glücklicherweise in jeglicher Hinsicht friedlich und anerkennenswert ist, sich über tausende Jahre entwickelt hat und den Menschen in dieser eher lebensfeindlichen Umgebung (Klima, Vegatation) Halt gibt.
Aus einem anderen Blickwinkel kann man sich auch fragen, warum es in unserer westlichen Gesellschaft normal ist teilweise mehr als zehn Stunden pro Tag dem Computer zu huldigen (oder entsprechend im Labor zu verbringen), in der Hoffnung sich damit über einige Zwischenschritte seine Wünsche erfüllen zu können. Aus der Ferne betrachtet sind hier deutliche Parallelen nur unter einem anderen Set-Up zu sehen – in dem Sinne also ein anderer intensiver Glaube. 😉 Es ist die Frage was man selbst präferiert, um im Endeffekt glücklich mit sich und seinem Leben zu sein. Dies wiederum hängt mit der umgebenen Kultur, den individuellen Hintergründen und natürlich der eigenen Weltanschauung zusammen. All dies führt am Ende zu dieser unglaublichen Vielfalt verschiedener Glaubensrichtungen. … Hachja, wie philosophisch. Für mich persönlich habe ich herausgefunden, dass ich eher den westlichen Stil präferiere. Mit nachdenklichen Grüßen, Euer Mathias

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2 Kommentare zu China, Tibet (Lhasa, zweite Eindrücke)

  1. Hubert sagt:

    Der Potala-Palast sieht aus, als wenn ich gerade meine Malerwerkzeuge eingepackt
    hätte. Ein Wahnsinnsgebäude, man macht sich schon seine Gedanken „Gell“. Ist schon
    komisch über was man alles plötzlich nachdenkt.
    Hubert

    • Mathias sagt:

      Wohl wahr. Sowohl die tibetische Landschaft als auch die dortigen Bauten sind optisch als auch historisch gesehen wirklich beeindruckend bzw. geschichtsträchtig und insbesondere gedankenanregend…

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